ZERO MENTALITY Interview mit Ben
Fink am 16.05.05
Als aller erstes möchte
ich klarstellen, dass es in diesem Interview nicht allzu viel um Eure
Entstehungsgeschichte, Musikstil, Label und sonstige Konsorten gehen
soll. Ich
denke, Du hast zu genüge Fragen zu den eben genannten Themen
beantworten müssen
in den letzten Monaten. Mir geht es
heute mehr um Dich als Person und die Texte von ZERO MENTALITY.
Wie bist Du
aufgewachsen ?
Ich bin im schönen,
grünen Bochum geboren und aufgewachsen. Dort habe ich
meine gesamte Kindheit und Jugend zusammen mit meinen Eltern und
meinem 7 Jahre älteren Bruder in einem netten Haus gewohnt, alles sehr
behütet
und wenig spektakulär. Seit ein paar Monaten wohne ich mit meiner
Freundin
zusammen in Essen.
Wie bist Du zu
Hardcore gekommen / zur Hardcoreszene und Musik?
Als ich 13 oder 14
gewesen bin, hab ich jemanden kennen
gelernt, der Hardcore gehört hat und Vegetarier und Straight Edge
gewesen ist.
Sein Lifestyle hat mich sofort sehr interessiert. Mein Bruder hatte zu
der Zeit
schon etwas länger Probleme mit Drogen, und ich bin froh gewesen etwas
gefunden
zu haben, womit ich mich von der ganzen
Scheiße distanzieren konnte. Kurz darauf bin ich dann mit Freunden auf
meine
ersten Shows gegangen... und ja, so bin ich dann zu der Sache gekommen.
Wie kam es dann
dazu, dass ihr Euch als Band zusammengefunden habt?
Jo, also die
ursprüngliche Formation bestand aus Leuten die sich sehr gut kannten
und in
ähnlicher Formation schon zusammen in anderen Bands gespielt hatten.
Das ganze
hat uns aber schnell irgendwie gelangweilt und auch musikalisch wenig
befriedigt.
Wir haben uns dann dazu entschlossen mal über den Tellerrand, der uns
damals
umgeben hat, hinaus zu kucken und Leute mit ins Boot zu holen, von
denen uns
nicht klar war, was dann hinterher dabei rauskommt. So habe ich damals
z.B.
unseren jetzigen Drummer Marcel angesprochen, obwohl der mit Hardcore
wenig zu
tun hatte und eher aus der Punkszene kommt. Danach kam Dominik dazu,
der zu der
Zeit in Hamburg gewohnt hat und zuvor in der Band DRIFT gespielt hat,
die ja
nicht grade für traditionellen Hardcore bekannt sind. Nachdem zwei
weitere
frühere Mitglieder die Band verlassen haben, hat dann Thorsten unser
jetziges
Lineup vervollständigt, der zuvor in einer Metalband mit dem Namen
FURNAISE
Gitarre spielte, und nun bei uns Bass. Für mich ist die Entstehung des
jetzigen
Lineups im nachhinein gesehen ein gut geglücktes Experiment. Wir haben
eine Art
Franksteins Monster erschaffen, das ZM Monster.
Wie würdest Du
die Hardcoreszene im Ruhrgebiet beschreiben?
Mhhh.....ja...(überlegt)...Hardcoreszene
im Ruhrgebiet, also das Ruhrgebiet hat ja traditionell immer sehr viele
und
auch viele deutschlandweit populäre Bands. Das hat sich in letzten
Jahren
weiter so gefestigt und ich denke, dass mittlerweile auch.... also wenn
ich mir
allein ankucke, welche Bands vor uns in unserem alten Proberaum geprobt
habt:
DEATH OR GLORY, und BLACK FRIDAY, EYEBALL - für ihre Reunion, COPYKILL
,
nebenan waren CALIBAN ziemlich lange und zwei, drei Jahre vorher haben
da auch
Bands wie SURFACE, etc.. geprobt. Also hier im Westen ist
offensichtlich alles
sehr konzentriert, was natürlich auch daher kommt, dass hier viele
Menschen auf
engem Raum leben und speziell das Ruhrgebiet Nährboden für Musik- und
Künstlergruppen jeglicher Art ist. Also ich denke, dass wir eine sehr
vivide
und kreative Szene haben. Einigen Ruhrpott Bands hängt zwar immer noch
dieses
"Toughguy" ( ich hasse dieses Wort) Image an, aber in den meisten
Fällen trifft das nicht zu.
Denkst Du, dass
Du als Frontmann eine Verantwortung gegenüber Eurem Publikum hast?
Ich versuche das, was
ich tue auf jeden Fall
verantwortungsvoll zu machen....also ich fühl mich, wie soll ich
sagen...ich empfinde es als ein großes Privileg, dass ich wie jetzt
einen Monat
durch Europa reisen darf und jeden Abend Leuten einen Teil von mir
vermitteln
kann.. Wir haben natürlich großes Interesse daran auf uns, und das was
wir sind
und sagen aufmerksam zu machen, sonst könnten wir ja auch Hausmusik im
Kreise
der Familie machen. Da es für mich aber in erster Linie nicht darum
geht,
unsere Personen selbst darzustellen und in ein tolles Licht zu rücken,
sondern
auf Themen hinzuweisen die uns beschäftigen, denke ich schon dass wir
eine
gewisse Verantwortung gegenüber dem Publikum übernehmen.
Euer Album „In
Fear Of Forever“ wird im Moment überall, wo man nur lesen kann, total
abgefeiert. Hast Du mit dieser Reaktion
gerechnet, als ihr die Platte aufgenommen habt?
Wenn du ne Platte im
Studio aufnimmst und dann endlich das Master in den Händen hältst
kannst du ja
meistens nicht mehr wirklich beurteilen, ob es nun der erhoffte heiße
Scheiß
oder totaler Müll geworden ist. Da ich aber seltsamerweise selbst nie
an den
Aufnahmen gezweifelt habe und von Anfang an sehr stolz auf die CD
gewesen bin,
hatte ich gewisse Bedenken, ob sie bei den Leuten ebenso gut ankommen
würde,
wie sie bei mir angekommen ist. Ich war dann sehr beruhigt, als ich die
ersten
Reviews gelesen habe, und die durch die Bank positiv gewesen sind. Das
da aber
bis heute fast keine Negativen dazu gekommen sind und wir auch in
MetalHammer
und Rockhard sehr gut abgeschnitten haben, hat mich doch sehr
überrascht. Es
ist natürlich sehr nett wenn man von den Kritikern Anerkennung erntet,
allerdings ist es für mich bei aller Zufriedenheit sehr wichtig
selbstkritisch
zu sein. Wir sind jedenfalls hochmotiviert
auf der nächsten Aufnahme besser zu sein.
Ich lese in
Euren Texten eine Menge an Kritik an der Spezies Mensch, der Szene, der
Gesellschaft. Es geht um Themen wie „die Sinnlosigkeit des sich
Wiederholenden“, Verrat an der eigenen Person, Selbsttäuschung,
Zerstörung,
Verlust. Sehe ich das richtig? Wie wichtig sind für Dich Texte?
Ja, das ist auf jeden
Fall treffend dargestellt. Mir sind Texte sehr wichtig. Ich nehme mir
sehr viel
Zeit zum schreiben, und versuche mit meinen Worten die Gefühle zu
vermitteln,
welche die Musik in meinem Kopf erzeugt. Ich bemühe mich sehr darum,
dass die
Texte ein homogenes Gesamtbild mit der Musik ergeben.
Wie entstehen
Deine Texte?
Also die Texte zum
Debütalbum sind Texte die von der Entstehung der Band, bis vor zwei
Wochen vor
der Aufnahme entstanden sind. Sie sind
in einem recht langem Zeitraum
auch immer wieder überarbeitet worden. Wenn ich früher Texte
geschrieben hab,
da ging das so „zack-zack-zack...“, Bei DEATH OR GLORY z.B. da hab ich
teilweise mal fünf Texte am Stück hingeknallt. Jetzt nehme ich mir
dafür sehr
viel mehr Zeit. Wenn ich mich heutzutage versuche dazu zu zwingen einen
Text zu
schreiben, kommt da nur Müll bei raus...
Mein
persönlicher Lieblingssong ist der erste Track, weil ich die
Kernaussage „Has
everything we do alreay been done before?“ so treffend finde. Es gibt
nichts
neues unter dem Himmel, was nicht schon mal in irgendeiner anderen Form
existiert hat. Ist diese Tatsache für Dich deprimierend, erschütternd
oder
einfach nur eine nüchterne Feststellung?
Es ist auf keinen Fall
nur eine Feststellung, sondern eher eine Provokation oder Frage.
Allerdings bin
ich mir über die Antwort selbst nicht im klaren. Ich weiß nur, ich kann
mich
persönlich mit einem "JA" als Antwort nicht wirklich zufrieden geben.
Ich frage mich, ob gewisse Wege nicht doch verlassen werden können, und
gewisse
Formeln vielleicht doch nur die Realität vortäuschen. Ich möchte mit
meinen
Texten keine bestimmten Erkenntnisse predigen. Ganz ehrlich, ich habe
zu vielen
Themen überhaupt keine feste Meinung, von derer Richtigkeit ich
komplett
überzeugt bin. Also versuche ich das auch nicht vorzugeben. Ich denke
nur sehr
viel über das was ich tue nach. Und genau das spiegelt sich dann, unter
anderem
als Selbstzweifel, in den Texten wieder.
Also, wo du auch schon vorher „Verantwortung“ angesprochen hast, meine
Verantwortung ist definitiv nicht irgendwelche „Hardcore - Regeln“ zu
predigen.
Ich möchte einfach nur Fragen stellen, und auf Dinge aufmerksam, über
die sich
in der Hardcoreszene sonst vielleicht zu wenig Leute Gedanken machen.
Sprichst Du jetzt
auch von grundsätzlichen Fragen, die für viele Menschen einfach schon
viel zu
lange selbstverständlich geworden sind?
Genau, das sind nicht
nur Fragen die szenerelevant sind, sondern auch generelle , persönliche
oder
gesellschaftliche Fragen, die mich im
Leben bewegen.
Im Song „What I
see“ werden gesellschaftliche Zustände und Entwicklungen beschrieben.
Macht Dir
das Angst, was Du da beschreibst?
Ja definitiv, mir macht
die Entwicklung der Gesellschaft Angst und ich denke auch, dass wir
jetzt in
2005 in sehr vielen gesellschaftlichen Bereichen an Punkten angekommen
sind, wo
ich wirklich nicht weiß, ob ich sie einfach jetzt erst erkenne und sie
schon
vorher so waren, oder ob sich da nicht wirklich etwas sehr zum
Negativen
entwickelt.
Kann ich da auch
den Bezug zu Eurem Albumtitel entnehmen „In Fear of Forever“ - die
Angst davor,
dass alles „für immer“ so kalt, schlecht und sinnlos bleibt?
Der Albumtitel hat, wie
sehr viele Dinge bei uns eine omnivalente Bedeutung. „In Fear Of
Forever“ ist
auch in gewisser Weise ein Wortspiel. Für mich bedeutet es unter
anderem auch
die Angst davor, Dinge zu tun, die für die Ewigkeit sind, bzw. sich auf
Sachen
festzulegen, z.B. auch die Angst davor sich auf Beziehungen
einzulassen, die
für ewig halten oder die Angst davor, naja Dinge zu erschaffen und zu
kreieren.
Deshalb hatte ich
auch vorher den Begriff „Verantwortung“ erwähnt, denn sobald wir etwas
erschaffen sind wir dafür verantwortlich. Sobald ich etwas „für immer“
eingehe,
bin ich auch verantwortlich dafür. Also diese Angst ist Dir bewusst?
Ja.
Kannst Du Dir
erklären warum „Nicht Mehr“ live besonders gut ankommt? Kleine
Anmerkung noch:
mir ist aufgefallen, dass es der einzige Song auf Eurem Album ist, der
sich
sprachlich auf der „Ich / Du Ebene“ bewegt, zwei Menschen gegenüber
stellt, der
einzige Song bei dem Du einen Menschen konkret ansprichst. Die anderen
Texte
handeln auch von Themen, zu denen wohl jeder Mensch ein Bezug findet,
doch
„Nicht Mehr“ ist ein sehr persönlicher Text.
Ja, warum er in der Live
- Situation gut ankommt liegt vermutlich an seiner Dynamik oder so...da
bin ich
zu wenig Musikexperte für, um das jetzt zu analysieren, aber dass es
einer der
persönlichsten Texte ist, oder der persönlichste Text, das denke ich
auf jeden
Fall auch. Interessant ist, dass ich grade zu dem Song sehr viel
positive
Response bekommen habe. Da waren einige Personen die gesagt haben, dass
der
Text sie sehr bewegt hat und ihnen sogar geholfen hat. Das freut mich
natürlich, und ja dann ist es ne gute Sache, dass sich die Leute damit
identifizieren und damit auseinandersetzen.
Ihr seid jetzt
seit knapp drei Wochen mit BORN FROM PAIN auf Europatour. Das ist Eure
erste
große Tour, noch zwei weitere Wochen stehen an. Wie geht´ s Euch?
Welche
Eindrücke nehmt ihr bis jetzt mit?
Also eigentlich ist
alles sehr entspannt, und sehr cool. Wir kennen die Jungs von BORN FROM
PAIN
sehr gut und wussten auch, dass wir uns da nicht auf irgendwelche
Scheiße
einlassen. Und es ist alles von den Konzerten her sehr, sehr gut
gelaufen,
haben immer gute Unterkunft, sind natürlich glücklich, dass wir auch
einen
guten eigenen Bus hier fahren können, gesundheitlich...na ja ist
normal, dass
sich nach den ersten paar Tagen schon die ersten Wehwehchen
einschleichen, aber
wir sind eigentlich sehr entspannt und freuen uns alle sehr und freuen
uns auch
sehr, dass wir gute Reaktionen bekommen. Und die Tour ist etwas, das
uns einen
Schritt nach vorne bringen wird. Ich bin sehr glücklich, dass wir das
hier
zusammen machen können.
Möchtest Du
abschließend noch was loswerden? Grüße? Shoutouts? Probs?
Ja, erst mal danke ich
allen Leuten, die uns bei den Shows unterstützen. Wir haben nicht damit
gerechnet, dass es für uns so gut laufen wird. Das haben wir natürlich
in
erster Linie BORN FROM PAIN zu
verdanken, die fünf Wochen mit uns abhängen wollen. Also Che, Rob,
Karl,
Steffan und Roul, danke ihr Wichser! GSR danke ich an dieser Stelle
auch noch
mal für die super Unterstützung und die bislang sehr gute
Zusammenarbeit. Wir
freuen uns auf alles, was da noch kommt - dieses Jahr tourmäßig. Und
nächstes
Jahr könnt ihr ne neue Platte von uns erwarten, und dann mal sehen wie
es 2006
weitergeht. Danke für das Interview, Glück auf!
Das Interview wurde von Cornelia
Schmitt geführt.